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Von der Emotion zur Technologie: Experience Media entwickelt Medientechnik konsequent aus der Perspektive des Menschen. Im Expertview erklären die Gründer Stefan Pagenkemper, Michaela Ottmann und Benedikt Meyer-Schwickerath, warum Erlebniswirkung, Nutzerverhalten und messbarer Mehrwert künftig entscheidend sind.

Ihr habt nach vielen Jahren in der Medientechnik Experience Media gegründet. Was war der Moment, an dem klar war: Es braucht einen neuen Ansatz?

Stefan Pagenkemper: Es gab keinen einzelnen Moment. Es war eine Beobachtung, die sich über Jahre wiederholt hat.

Ich habe für das, was mich an diesem Beruf interessiert, irgendwann ein eigenes Wort gebraucht: Mediatektur. Einen Raum entwerfen und Technik dabei als Material begreifen, so wie ein Architekt Licht und Beton als Material begreift. Und ich habe gemerkt, dass für diese Art zu arbeiten immer weniger Platz war.

Medientechnik wird überwiegend in wiederholbaren Systemen gedacht. Das hat gute Gründe, es macht Projekte kalkulierbar und Ergebnisse verlässlich. Es führt aber dazu, dass die Frage nach dem Konzept oft erst gestellt wird, wenn der Beton schon gegossen ist. “Nur” Displays an der Wand sind dann das Ergebnis und nicht der Anfang.

Für einen Ort, der sich von anderen unterscheiden soll, ist das ein Problem. Er bekommt eine Lösung, die es woanders schon gibt.

Michaela kommt von der Wahrnehmungsseite, Benedikt aus der technischen Planung. Wir haben unabhängig voneinander dieselbe Lücke gesehen. Experience Media ist gegründet worden, die Reihenfolge des Denkens umzudrehen.

Ihr sagt, zwischen technischer Machbarkeit und echter Nutzererfahrung liegen oft Welten. Wo entsteht diese Lücke am häufigsten – und wie schliesst ihr sie?

Benedikt Meyer-Schwickerath: Die Lücke entsteht nicht auf der Baustelle, sondern vor dem Leistungsverzeichnis.

Ich habe jahrelang die technische Ausarbeitung in der Angebotsphase verantwortet, und dort sieht man den Moment sehr genau: Eine Anforderung wird in Produkten beschrieben, nicht in Wirkung. Da steht eine Diagonale, eine Pixelhöhe, eine Stückzahl. Was der Mensch davor verstehen oder tun soll, steht nirgends. Ab da ist das Erlebnis entschieden, lange bevor jemand etwas montiert.

Der zweite Treiber ist die Zuständigkeitsteilung. Marketing, Betrieb, Sicherheit und Technik sitzen selten gleichzeitig am Tisch. Jeder optimiert sein Teilstück korrekt, und in Summe entsteht ein Ort, an dem sich viele nicht zurechtfindet.

Wir drehen die Reihenfolge um: erst beschreiben, was an einer Stelle passieren soll, in Verhalten statt in Geräten, dann daraus die technische Spezifikation ableiten, herstellerunabhängig. Wir planen und beraten, wir bauen nicht. Deshalb haben wir keinen Grund, eine bestimmte Lösung zu empfehlen. Die Umsetzung machen Integratoren, und die machen sie gut, wenn die Vorgabe die richtige Frage beantwortet.

Ob es funktioniert hat, zeigt sich an der Zahl der Nachträge und daran, ob ein System im dritten Jahr noch bedient wird oder nur noch läuft.

„Von der Emotion zur Technologie – nicht umgekehrt“: Was heisst das konkret im Projektalltag – und woran merken Kunden den Unterschied?

Stefan Pagenkemper: Konkret heisst es, dass wir im ersten Workshop nicht über Technik sprechen. Die erste Frage lautet: Was soll der Mensch hier erleben? Im Stadion also: Was soll der Fan an dieser Stelle fühlen, verstehen, tun? Erst wenn das für die wichtigsten Punkte eines Ortes beantwortet ist, reden wir über Fläche, Helligkeit, Ton und Position.

Das klingt nach einer Haltungsfrage, ist aber vor allem eine Frage der Reihenfolge des Denkens. Technik ist ein Verstärker von Emotion. Ein Verstärker ohne Signal macht nur lauter, was ohnehin niemand hören wollte.

Den Unterschied merken Kunden an drei Stellen:

Erstens dauert die Produktdiskussion kürzer. Wenn klar ist, welche Wirkung eine Fläche haben soll, fällt die Entscheidung zwischen zwei Systemen fast von allein, weil es ein Kriterium gibt.

Zweitens verschiebt sich das Budget. Fast immer fällt etwas weg, das ursprünglich gesetzt war, und dafür entsteht an anderer Stelle etwas, das vorher niemand auf dem Zettel hatte. Unterm Strich wird es selten teurer, aber deutlich wirksamer.

Drittens, und das zeigt sich erst nach der Eröffnung: Die Systeme werden benutzt. Nicht nur eingeschaltet, sondern bespielt. Das ist der ehrlichste Test, weil er nicht von uns kommt, sondern vom Betrieb.

Was sind eure 3 wichtigsten Prinzipien, damit Experience nicht nach Tech-Gimmick wirkt, sondern wirkliche Emotionen hängen bleiben?

Michaela Ottmann:

1. Die Wirkung steht vor dem Effekt.
Ein Effekt bleibt nur hängen, wenn er zu dem Moment passt, in dem der Mensch gerade steckt. Wer beim Betreten einer Halle noch sucht, wo er hin muss, nimmt die schönste Inszenierung nicht wahr. Technik im falschen Moment wird übersehen, und übersehene Technik ist eine Investition ohne Wirkung.

2. Der Körper entscheidet vor dem Kopf.
Licht, Ton und Orientierung wirken, bevor jemand einen Inhalt liest. Das ist keine Metapher, sondern die Reihenfolge, in der unser Nervensystem arbeitet: erst Einordnung der Lage, dann Aufmerksamkeit für Details. Wer sich nicht orientiert fühlt, konsumiert nicht, sondern sucht den Ausgang.

3. Weglassen ist eine Planungsleistung.
Jede Fläche ohne klare Aufgabe kostet Aufmerksamkeit, Strom und Betriebsbudget. Die schwierigere Frage im Projekt ist nie, was noch dazukommen kann, sondern was raus kann, ohne dass etwas fehlt. Weniger, besser platziert, schlägt mehr fast immer.

Woran erkennt man in einem Satz ein gutes Setup – dass Technik Story, Raum und Erlebnis unterstützt?

Michaela Ottmann: Menschen bewerten einen Raum nicht, sie nehmen ihn wahr, und die Bewertung ist damit schon gefallen. Ein gutes Setup erkennt man deshalb daran, dass es nichts von einem will: Man ist orientiert, in Stimmung und informiert, ohne sagen zu können, wodurch.

Der geschäftliche Punkt daran ist unspektakulär: Wer sich sicher orientiert, bleibt länger, kauft entspannter und beschwert sich seltener. (Ok, das war jetzt etwas mehr als ein Satz.)

Ihr sprecht vom „Return on Experience“: Was bedeutet das für euch – und wie macht ihr Erlebniswirkung messbar?

Stefan Pagenkemper: ROX ist kein Gegenentwurf zum ROI, sondern die Erweiterung davon. Der ROI stellt eine klare Frage: Ich investiere eine Summe, ab wann habe ich sie wieder drin? Das funktioniert gut, solange der Rückfluss direkt zurechenbar ist. Bei Medientechnik in einem Stadion oder auf einer Fläche ist er das selten. Kein Display verkauft ein Bier. Es sorgt dafür, dass jemand weiss, wo es eines gibt, und dass er hingeht, statt sitzenzubleiben.

ROX fragt deshalb weiter: Was löst diese Investition im Betrieb aus, und wo taucht das in den Zahlen auf? Wer nur den direkten Rückfluss rechnet, investiert am Ende dort, wo sich der Effekt leicht zuordnen lässt, und nicht dort, wo er am grössten ist.

Messbar ist mehr, als die meisten annehmen, und das meiste davon liegt bereits im Haus. Verweildauer, Pro-Kopf-Umsatz und dessen Verteilung über den Abend, Wartezeiten an den Ausgabestellen, Wiederkehrquote, Anzahl der Rückfragen beim Personal. Wenn ein Ort funktioniert, verändern sich diese Zahlen in eine Richtung, die man vorher benennen kann. Deshalb legen wir vor einem Projekt fest, welche zwei oder drei Kennzahlen sich bewegen sollen. Ohne diesen Schritt ist jede spätere Erfolgsmeldung Auslegungssache.

Die Zahlen zeigen allerdings nur, was Menschen getan haben, nicht warum. Deshalb kommt eine zweite Ebene dazu: strukturierte Beobachtung im Raum, und wo es die Fragestellung hergibt, ein wissenschaftlich validiertes Messverfahren für die Reaktion vor der bewussten Entscheidung. Wenn ein Verkaufsstand hinter dem vergleichbaren zurückbleibt, sagt die Kennzahl, dass etwas nicht stimmt. Erst die Beobachtung sagt, dass die Leute zwei Meter zu früh abbiegen.

Dazu kommt die Zeitachse. Ich betrachte Investitionen über ihre Lebensdauer: Stromverbrauch, Wartbarkeit, Ersatzteilverfügbarkeit, Restwert nach sieben Jahren. Eine Lösung, die in der Anschaffung günstiger ist und im Betrieb das Doppelte kostet, ist keine günstige Lösung. Nachhaltigkeit ist an dieser Stelle kein Zusatzkapitel, sondern Teil der Rechnung.

Welche Technologien sind heute „Hygiene“ – und welche Entwicklungen werden 2026 besonders relevant (z. B. Personalisierung, KI-Steuerung, AV-over-IP, neue Display-/Audio-Setups)?

Benedikt Meyer-Schwickerath: Hygiene ist heute mehr, als viele Ausschreibungen abbilden. Dazu gehören LED statt Projektion oder LCD auf großen Flächen, eine IP-basierte Signalverteilung, eine normkonforme Sprachalarmierung mit nachgewiesener Sprachverständlichkeit, sowie zentrale Content-Steuerung und Fernwartung. Das sind keine Argumente mehr, mit denen sich ein Ort abhebt. Das ist der Punkt, ab dem man überhaupt mitspielt.

Der wichtigste Trend für 2026 ist aus meiner Sicht kein einzelnes Produkt, sondern das Zusammenwachsen der Gewerke. Medientechnik steht immer seltener für sich. Sie hängt an Lichtsteuerung, an der Gebäudetechnik, an Zutrittssystemen, an Kassen- und Ticketing-Daten. Technisch ist das lösbar. Die eigentliche Frage ist eine organisatorische: Wer betreibt dieses Zusammenspiel später, wem gehören die Daten, und wer entscheidet, was daraus ausgespielt wird? Diese Frage gehört in die Planung und nicht in die Inbetriebnahme.

Zweitens setzen sich offene, herstellerübergreifende Standards für Video über IP durch. Für Betreiber ist das die vielleicht unterschätzteste Entwicklung, weil sie die Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferanten über den Lebenszyklus deutlich senkt.

Drittens, und das halte ich für den härtesten Punkt: Energieverbrauch und Lebensdauer werden vom Nachhaltigkeitskapitel zum Vergabekriterium. Getrieben von ökologisch sinnvollen Vorgaben, Berichtspflichten und schlicht von den Betriebskosten. Eine Anlage, die in der Anschaffung günstiger ist und über zehn Jahre das Doppelte an Strom und Wartung zieht, ist keine günstige Anlage. Wir rechnen deshalb mit Jahresverbrauch im realen Betrieb, nicht mit Datenblattwerten bei Maximalhelligkeit, und wir fragen früh nach Ersatzteilverfügbarkeit und Reparierbarkeit.

Viertens KI, und da bin ich nüchtern. Der Nutzen liegt heute im Betrieb: Zustandsüberwachung, automatisierte Produktion für kleinere Formate, kontextabhängige Ausspielung nach Tageszeit oder Auslastung. Personalisierung im Raum funktioniert über App und Einwilligung. Auch Daten, die über Trackingtools, anonymisiert und DSGVO konform auf Emotionen von BesucherInnen schließen lassen, werden immer relevanter. Sie können vom Venue-Betreibenden entsprechend genutzt werden, um das Besuchserlebnis zu optimieren. 

Und was inzwischen mitgeplant werden muss: Ein AV-Netz ist ein IT-Netz. Damit gelten dieselben Sicherheitsanforderungen wie für den Rest der Infrastruktur.


Kontakt

Experience Media GmbH
Stefan Pagenkemper (sp@experience-media.com)
Michaela Ottmann (mo@experience-media.com)
Benedikt Meyer-Schwickerath (bms@experience-media.com)
Web: experience-media.com

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