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02.09.2026

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©Buro Happold

Stadien modernisieren: Ein neuer Investitionszyklus

Deutschlands Spielstätten stehen vor einem neuen Investitionszyklus. Im Fokus: die intelligente Weiterentwicklung des Bestands – von Kapazität und Hospitality über Betrieb und Fanerlebnis bis hin zu Zirkularität und Dekarbonisierung. Buro Happold GmbH zeigt anhand internationaler Beispiele, wie Modernisierung neue Potenziale schafft und gleichzeitig Identität und Standort bewahrt.


Deutschlands nächster Investitionszyklus bei Stadien wird sich nicht durch spektakuläre Neubauten auszeichnen. Im Fokus steht vielmehr die anspruchsvolle Aufgabe, bestehende Spielstätten zu erweitern, zu modernisieren und zu dekarbonisieren, ohne Spielatmosphäre, laufenden Betrieb oder die enge Verbindung zwischen Verein und Standort zu verlieren.

Diese Entwicklung zeigt sich auch international: Großereignisse setzen zunehmend auf bestehende Veranstaltungsorte: Die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 nutzt ausschließlich vorhandene Großstadien, und die Olympischen Spiele in Los Angeles 2028 haben sich verpflichtet, keine neuen dauerhaften Wettkampfstätten zu errichten. Stattdessen setzen sie auf Modernisierung und Umnutzung - eine Reaktion auf Kostendruck, Klimaziele und das Risiko, dass Infrastruktur langfristig brachliegt.

Besonders für Deutschland ist dieser Wandel relevant. Viele Stadien wurden für die Weltmeisterschaft 2006 neu gebaut, erweitert oder grundlegend modernisiert. Sie sind baulich häufig noch in gutem Zustand und zugleich fest in ihren Gemeinden verankert. Dennoch entsprechen Kapazitäten, Hospitality-Angebote, digitale Infrastruktur, Barrierefreiheit und Betriebsabläufe häufig nicht mehr den heutigen Erwartungen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob investiert werden soll, sondern wie sich mit dem Bestand der größte langfristige Mehrwert erzeugen lässt.

Ein neuer Zyklus für Stadien

Viele Spielstätten, die seit den 1990er-Jahren gebaut oder umfassend erneuert wurden, erreichen eine neue Lebensphase. Sie sind nicht veraltet, aber auch nicht mehr optimal auf aktuelle Anforderungen an Umsatzpotenzial, Flexibilität und Fanerlebnis ausgerichtet. Für Vereine, Eigentümer und Kommunen verschiebt sich damit die Aufgabe. Es geht nicht mehr um einen kompletten Neuanfang, sondern um die gezielte Weiterentwicklung vorhandener Strukturen.

Modernisierung ist dabei keine zweitklassige Lösung. Sie kann Kapazitäten erweitern, Einnahmen steigern und den CO₂-Fußabdruck senken. Gleichzeitig ermöglicht sie, gewachsene Identität und historische Standorte zu bewahren. Gerade für Vereine, die an ihren traditionellen innerstädtischen Stadien festhalten möchten, mag ein Umzug auf dem Papier einfacher wirken. Er kann aber den Verlust von Geschichte, Fanbindung und lokaler Verankerung bedeuten.

Rund 20 Jahre nach der WM 2006 stehen viele modernisierte Stadien erneut vor Investitionen, um aktuellen UEFA-Standards gerecht zu werden. © Buro Happold

Erkenntnisse aus London und Manchester

Das London Stadion und das Etihad Stadion in Manchester zeigen, wie bestehende Stadien unter realen technischen, politischen und betrieblichen Bedingungen weiterentwickelt werden können. Beim London Stadion bestand die Aufgabe darin, ein olympisches Leichtathletikstadion in eine fußballorientierte Arena umzuwandeln und zugleich wesentliche Teile der ursprünglichen Infrastruktur zu erhalten. Die Lösung verband wiederverwendete Bausubstanz, ein erweitertes Dach und angepasste Tribünengeometrien.

Manchester zeigt einen anderen Weg: Das ursprünglich für die Commonwealth Games errichtete Stadion wurde zunächst durch die Absenkung des Spielfelds und eine neue untere Tribünenebene für den Fußball umgebaut. Später folgten weitere Erweiterungen. Das Beispiel macht deutlich, dass Spielstätten mehrfach auf neue Anforderungen reagieren können – selbst dann, wenn diese Veränderungen in der ursprünglichen Planung nicht vorgesehen waren.

Drei Prinzipien stehen dabei im Vordergrund: Fußballorientiertes Design bleibt entscheidend für Atmosphäre, TV-Tauglichkeit und Fanerlebnis. Modernisierung ist ebenso eine logistische wie eine technische Herausforderung, insbesondere bei laufendem Spielbetrieb. Und erfolgreiche Projekte schaffen nicht nur zusätzliche Kapazitäten, sondern verbessern zugleich Hospitality-Angebote, Besucherströme, Betriebsabläufe und digitale Infrastruktur.

Bestand verstehen, Betrieb sichern

Die größten Chancen liegen häufig bei Stadien, die konstruktiv zwar solide sind, ihr wirtschaftliches und betriebliches Potenzial jedoch noch nicht vollständig ausschöpfen. Bessere Umlaufbereiche, flexiblere Hospitality-Konzepte, modernisierte Medien- und Betriebsflächen, neue Dachlösungen, technische Upgrades und gezielte Kapazitätserweiterungen können den Wert einer bestehenden Anlage deutlich steigern.

Entscheidend ist ein präzises Verständnis des Bestands. Ältere Stadien sind oft über Jahrzehnte verändert worden; Dokumentationen können lückenhaft sein, Fundamente und Versorgungsleitungen schwer zugänglich, vorhandene Strukturen nicht immer eindeutig mit aktuellen Plänen oder Normen vereinbar. Jede Maßnahme muss deshalb mit dem Bestand, seinem Tragwerksverhalten und den Anforderungen der Genehmigung sowie der praktischen Umsetzbarkeit in Einklang gebracht werden.

Hinzu kommt der Betrieb. Vereine können ihre Heimspielstätte meist nicht über längere Zeit vollständig schließen. Größere Maßnahmen müssen daher über Sommerpausen und laufende Spielzeiten hinweg phasenweise organisiert werden. Retrofit-Projekte erfordern von Beginn an ein integriertes Denken, das Ingenieurwesen, Architektur, Bauablauf, Betrieb, Zugänglichkeit, Hospitality sowie die Kommunikation mit Fans und Anwohnern verbindet.

Zirkularität als Planungsmethode

Der Erhalt und die Anpassung bestehender Tragwerke gehören zu den wirksamsten Hebeln, um gebundene CO₂-Emissionen gegenüber Abriss und vollständigem Neubau zu senken. Zirkularität ist dabei mehr als ein nachträgliches Nachhaltigkeitsmerkmal, sie ist eine Entwurfsmethode: Bestehende Bauwerke dienen als Materiallager, deren Bauteile auf eine mögliche zweite oder dritte Nutzungsphase geprüft werden.

Der Planungsansatz beginnt daher nicht mit der Frage, was nach dem Rückbau gerettet werden kann. Er fragt, wie viel der vorhandenen Anlage oder einzelner Bauteile am Standort weitergenutzt werden kann. Dazu gehören eine frühzeitige Bestandsaufnahme, die Identifizierung wiederverwendbarer Systeme etwa bei Dachtragwerken, Fachwerkfeldern, Sitzsystemen oder Fassadenelementen sowie eine systematische Bewertung von Erhalt, Anpassung, Versetzung oder Ersatz.

Zirkularität überzeugt besonders dann, wenn sie nicht nur ökologisch sinnvoll ist, sondern zugleich eine bessere Ingenieurlösung hervorbringt. Für Betreiber, die Kosten senken und Klimaziele erreichen müssen, wird die Prüfung dessen, was sicher erhalten, angepasst oder neu positioniert werden kann, damit zu einem zentralen Bestandteil der Projektstrategie.

Dächer als Klimainfrastruktur

Dächer stehen an der Schnittstelle von Fanerlebnis, struktureller Anpassungsfähigkeit, Umsatzpotenzial und Dekarbonisierung. Beim London Stadion ermöglichte ein neues Seilnetz-Dach die Erweiterung der Überdachung und trug dazu bei, eine für Fußball geeignete Atmosphäre zu schaffen, während wesentliche Elemente des Olympia-Erbes erhalten blieben.

In einer weiteren Phase wurde das Dach zur Plattform für Energieerzeugung: Leichte Photovoltaikmodule ergänzten die Konstruktion. Das Beispiel zeigt, warum Dächer bei der Modernisierung von Stadien ein besonders wirkungsvoller Hebel sein können. Sie können das Fanerlebnis und die Akustik verbessern, multifunktionale Nutzung ermöglichen, die Lebensdauer einer Spielstätte verlängern und zugleich Teil ihrer Energieinfrastruktur werden.

Die Solarmodule des London Stadions erzeugen jährlich genug Strom, um den Bedarf mehrerer Großveranstaltungen zu decken. © Buro Happold

Für deutsche Spielstätten bedeutet das: Dächer sind nicht länger ausschließlich Witterungsschutz. In Verbindung mit Photovoltaik, besserer Allwettertauglichkeit und ergänzenden Nutzungsmöglichkeiten können sie zu einem multifunktionalen Vermögenswert werden. Welche Anpassungen möglich sind, hängt allerdings stark vom jeweiligen Tragwerk ab. Die Dachstrategie muss deshalb früh berücksichtigt werden – sie kann spätere Veränderungen entweder ermöglichen oder erheblich einschränken.

Identität und Beteiligung

Technische Logik allein schafft keine erfolgreichen Stadionmodernisierungen. Stadien sind mit Identität, Erinnerungskultur und öffentlicher Aufmerksamkeit verbunden. Gerade in Deutschland, wo die Fankultur besonders stark ist, betrachten Fans ihre Spielstätte nicht als austauschbare Infrastruktur, sondern als gesellschaftlichen und kulturellen Ankerpunkt.

Beteiligung ist deshalb keine zusätzliche Kommunikationsmaßnahme, sondern ein wesentlicher Teil der Umsetzung. Werden Fans, Anwohnerinnen und Anwohner frühzeitig eingebunden, können Veränderungen verständlich gemacht, Bedenken aufgenommen und Widerstände früh adressiert werden. Nachhaltigkeit gewinnt dabei an Überzeugungskraft, wenn sie in Kontinuität, Erlebnisqualität und langfristigen Vereinswert übersetzt wird.

Ein langfristiger Modernisierungszyklus

Deutschland braucht keinen Stadionbauboom im klassischen Sinn. Es braucht einen langfristigen Modernisierungszyklus, in dem bestehende Stadien und andere Venues als wertvolle Anlagen verstanden und für neue Standards, Einnahmequellen und eine klimafreundlichere Zukunft weiterentwickelt werden.

Die Chance liegt nicht im pauschalen Ersatz bestehender Spielstätten, sondern in ihrer klugen Transformation. Wo Vereine Kapazitäten gezielt erweitern, Hospitality-Angebote stärken, den Betrieb sichern, zirkuläre Materialstrategien einsetzen und ihre Fans einbinden, wird Modernisierung weit mehr als ein pragmatischer Kompromiss. Sie wird zum überzeugenden Modell für die nächste Phase der Stadionentwicklung in Deutschland.

Mehr dazu beim eps ARENA SUMMIT


 

Kontakt

Buro Happold GmbH
Michael Salvo (Director Sport & Entertainment Europe)
E-Mail: michael.salvo@burohappold.com
Web: burohappold.com

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