Karsten Petry und Dennis Trautwein (Octagon) im Interview über die WM 15.06.2018

SID | Kommerzialisierung | FIFA

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland gehört Octagon zu den Big Playern unter den Consulting- und Full Service-Agenturen, die vor Ort im Auftrag der Partner und Sponsoren des Weltverbandes FIFA in Aktion sind: Managing Director Karsten Petry und Vice President Dennis Trautwein sprechen im "SID"-Interview über eines der dominantesten Themen in der Welt des Fußballs: die Kommerzialisierung.


Herr Petry, Herr Trautwein, Octagon betreut bei der WM in Russland auf unterschiedlichsten Spielfeldern einen Großteil der FIFA-Partner und -Sponsoren. Provokant gefragt: Stehen Sie als Dienstleister auf der dunklen Seite der Macht?


Karsten Petry: Wie bitte sollen wir das denn verstehen?

In Deutschland ist die Diskussion allgegenwärtig, ob der Sport sich nicht längst verkauft und seine Identität aufgegeben hat. Und Sie zählen zu den Protagonisten des Sportbusiness.

Petry:
Und nun wollen Sie darauf hinaus, dass Sport nur noch Sport-Business ist? Nein, das ist es nicht! Der Sport hat sehr wohl noch ein Herz und eine Seele. Sport-Business selbst muss ebenfalls Herz und Seele haben. Sportliche Ziele stehen heutzutage sicher in einem Bezug zu kommerziellen Zielen, aber dass sie sich diesen unterwerfen müssen - das geht nicht. Dann würden die Methoden, sportlichen Erfolg zu erlangen, zwangsläufig unlauter.

Stichwort Doping. Stichwort Manipulation ...

Petry:
So negativ sehe ich die Sportwelt aber nicht. Klar: Es geht im Spitzensport schon lange nicht mehr nur um Ruhm und Ehre, aber die Sponsoren, die Unternehmen und Marken, ohne die Spitzensport global längst nicht mehr möglich wäre, folgen schon einem Wertekompass. Da geht es in den meisten Fällen sehr wohl um Verantwortung für den Sport, nicht nur aus Selbstschutz und wirtschaftlichem Interesse. Denen geht es auch um Botschaften und Werte, die letztlich die Firmenkultur abbilden. Die wirken auch ins Innere der Unternehmen.

Mutet eine WM nicht zunehmend an wie eine riesige Marketing-Plattform?

Dennis Trautwein: Ich erlaube mir den Hinweis, dass diese Diskussion, auf die Sie sich beziehen, eine typisch und primär deutsche ist. Es gibt natürlich kritisch zu hinterfragende Tendenzen und Entwicklungen, aber hierzulande werden die Dinge - auch medial - gerne zu eindimensional betrachtet. Ich wünschte mir, es würde mehr differenziert. Auch wenn das aktuell nicht besonders populär ist.

Aber der Fußball ist längst Milliarden-Geschäft fernab seiner Basis. Die nächste WM ist in Katar. Und irgendwann wird China Ausrichter sein, weil chinesische Unternehmen ebenfalls mit hohen Investitionen in den Markt drängen. Geht die Fankultur bei all dieser Kommerzialisierung nicht verloren? Bleibt die Tradition nicht auf der Strecke?


Trautwein: Genau das meine ich: Hierzulande lösen solche Perspektiven sofort Argwohn aus. Ich empfehle aber, die deutsche Brille mal kurz abzunehmen und durch die der FIFA zu blicken. Denn: Die Kommerzialisierungsdebatte existiert in dieser Vehemenz und Form nur in den Märkten, die eine lange Historie haben und in denen der Fußball konkurrenzlos Sportart Nummer eins ist - sogenannte Mature Football Markets.

Also klassische Fußballmärkte wie Deutschland und England ...


Trautwein: Selbstverständlich sind das sehr wichtige Fußball-Nationen mit riesigen Fan-Potenzialen. Und großer Fankultur. Da wird die Entwicklung ganz anders wahrgenommen als in vielen anderen Teilen der Welt. Und seitens der FIFA. Dort gibt es diese Thematik gar nicht, zumindest ist sie nicht derart problembehaftet wie insbesondere hier. Denn: Dass Deutschland und England für die FIFA entscheidende Märkte sind auf der Suche nach Wachstumschancen für ihre Produkte, darf hinterfragt werden.

Petry: Wir werden die Uhr nicht mehr zurückdrehen. Dennoch: Vorbehalte wie sie klassische Fußballnationen vorbringen, gibt es in Asien, Afrika, Nordamerika oder in der arabischen Welt tatsächlich nicht ...

Trautwein: ... deswegen wird die FIFA sie in Europa und Südamerika - wo nötig - auch dezent abmoderieren. Für sie und ihre globalen Partner ist das auch gar nicht so eine große Herausforderung. Im Gegenteil: Für sie geht die Reise in eine andere Richtung, denn das Business-Potenzial in den WM-Märkten der Zukunft, allen voran in China, ist gigantisch und noch lange nicht ausgeschöpft. China ist heißer Kandidat auf die WM 2030.

Und darauf wird die FIFA den Fokus richten?


Trautwein: Ja. Allein eine chinesische WM-Teilnahme hätte nach jüngsten Erhebungen immense globale Folgen. Unter anderem: weltweit drei Prozent mehr TV-Zuschauer. China ist für die FIFA bereits heute ein ganz wichtiger Player. Und selbst, wenn es wie Zukunftsmusik klingt und auch noch ist: Der nächste spannende Markt könnte Indien sein. Auch wenn WM-Turniere in diesen Ländern organisatorisch riesige Herausforderungen wären.

Neben der Standortfrage nervt aber viele Fans auch, dass solche Turniere immer größer und immer länger werden, siehe die letzte EM - worunter die sportliche Wertigkeit leidet. Und wenn bei einer WM künftig 48 statt 32 Teams dabei sind, kann das dem Niveau nicht zuträglich sein.


Trautwein: Eine Diskussion, die ich aus sportlicher Sicht absolut nachvollziehen kann, aber das bewertet die FIFA mit Sicherheit weniger kritisch. Die Ausweitung wäre aus ihrer Warte sogar logisch: Wenn das Turnier größer wird, steigen auch die Möglichkeiten der Vermarktung, selbst wenn dies sportlich fragwürdig ist. Aber die FIFA hat längst verstanden, dass sie eine WM entsprechend promoten muss: Als globale Party. Und wenn diese länger dauert und mehr Gäste daran teilnehmen, profitieren viele davon.

Und der FIFA winken dadurch erhebliche Mehreinnahmen.

Trautwein: Aus ihrer Sicht ist das legitim. Die WM ist ein großes interkulturelles Fest, bei dem sich viele Nationen treffen. Das ist der wahre Anspruch der FIFA an dieses Spektakel. Und sie hat auch verstanden, das entsprechend zu kommunizieren.

Petry: Natürlich muss es Bedingung sein, dass politische und soziale Rahmenbedingungen in den Austragungs- und Teilnehmerländern stimmen, hier hat die FIFA bei ihren Auswahl- und Entscheidungskriterien definitiv noch Nachholbedarf. Wenn dies aber gegeben ist, sehe ich keinen Grund, warum die Mature Football Markets sich über andere Verbände erheben und für sich das Recht beanspruchen, über Anzahl der Teilnehmer, geeignete Teilnehmer und Ausrichter zu urteilen. Eine WM ist wie gesagt ein großes interkulturelles Spektakel, das nach und nach allen Teilen der Welt zugänglich gemacht werden sollte.

D
as heißt, Sie fordern, die Diskussionen rund um das Thema Kommerzialisierung viel differenzierter zu führen?

Petry: Richtig. Zwischen der globalen Entwicklung und dem, was hierzulande geschieht, gibt es ja durchaus Unterschiede.

Trautwein:
Die DFL und ihre Sponsoren müssen sich schon des schmalen Grats zwischen der ursprünglichen Identität und der Kommerzialisierung des Fußballs bewusst sein. Ebenso die Premier League. Der Schulterschluss mit den Fans dort ist natürlich extrem wichtig, zumal die negative Stimmung in den Medien schon stark vernehmbar ist.

Petry: Die Entscheider im und rund um den deutschen Fußball - DFL, DFB, Vereine, Sponsoren, Vermarkter - sollten sensibel genug dafür sein, die Meinung der Fans zu hören und ernst zu nehmen. Unbedingt sogar. Also, deutsche Brille wieder auf: Die Sinnhaftigkeit des Montagsspiels zum Beispiel muss angesichts des eindeutigen Medien-Echos und der Stimmung an der Basis überdacht werden. Dieser Diskussion müssen sich die Verantwortlichen stellen. Denn hierbei ging es wirklich nur um eine Steigerung der TV-Einnahmen und die Bedürfnisse der Fans und Stadionbesucher wurden völlig außer Acht gelassen.

Wann ist für Sie in Sachen Kommerzialisierung eine rote Linie überschritten?


Petry: Wenn Sport sich zu sehr verbiegen lässt, wenn seine ursprüngliche Identität auf der Strecke bleibt, hört es für mich auf. Würden Fußballspiele beispielsweise in drei Drittel unterteilt, damit man in den Drittelpausen mehr Werbung schalten kann, wäre das fatal - das gehört nicht zur DNA des Fußballs.

Kontakt:
Octagon Sport
Karsten Petry
Kasernenstr. 1
DE-40213 Düsseldorf

Tel.: +49 211 385 460 26
E-Mail karsten.petry[at]octagon.com
Web: www.octagongermany.com

Quelle: Octagon/SID