ESB: Sinn und Unsinn von Grosssportveranstlatungen 28.10.2019

ESB | Event | Interview

Befürworter betonen die Chancen, Gegner die Risiken von Groß-Sportveranstaltungen — und schaukeln sich dabei in ihrer Argumentation gegenseitig auf. Sponsoring-Experte Hans-Willy Brockes über Sinn und Unsinn von Großevents.

 

Groß-Sportveranstaltungen werden kontrovers diskutiert. Wem bringen sie wirklich was?
Brockes: Die Diskussion um Großveranstaltungen wird tatsächlich nicht nur in Tirol geführt, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum. Nicht nur die Kostenseite wird dabei kritisch gesehen, sondern auch die Nachhaltigkeitsthematik. Ich habe aber das Gefühl, dass dabei die rationalen Argumente zu kurz kommen. Für Tirol ist dies aus meiner Sicht der enorme Gewinn für die Tourismus-Werbung. In einer Zeit in der man mit klassischer Werbung alleine nur noch wenige - zumeist alte - Menschen erreichen kann, spricht man von Content-Marketing als neuen Weg. Also Inhalte, die von den klassischen wie auch Online-Medien und eben auch durch Influencer in den Social Media verbreitet werden. Großveranstaltungen sind solcher Content.

Müssen denn Großveranstaltungen immer defizitär sein?
Brockes: Das natürlich nicht. Aber es ist schon eine Tendenz zu beobachten, dass es immer schwieriger wird, zu positiven finanziellen Ergebnissen zu kommen. Die Hauptursache sind Kostensteigerungen für Sicherheit und insbesondere Infrastruktur-Anforderungen. Auf der Einnahmeseite lassen sich andererseits weder die Ticketpreise noch die Sponsoring-Summen markant steigern. Und man muss an dieser Stelle auch betonen, dass bei vielen Veranstaltungen ein Teil der Einnahmen auch nicht in die Tasche der Veranstalter fließt.

Was meinen Sie damit?
Brockes: Da sind beispielsweise die Übernachtungen zu nennen. Wenn eine Großveranstaltung statt findet profitieren die Hotels und gastronomischen Betriebe. Teilweise erhöhen sie sogar ihre Preise und profitieren. Der Veranstalter profitiert davon nicht und muss eventuell sogar für seine Gäste höhere Zimmerpreise bezahlen.

Was hat die Kletter-WM besser gemacht, als die vergleichbaren Großveranstaltungen Rad-WM und Nordische Ski-WM?Brockes: Der große Vorteil der Kletter-WM war die vorhandene Infrastruktur. Rad und Nordisch Ski finden draußen statt und sind daher von den Kosten und der Vielzahl der zu berechnenden Faktoren deutlich schwerer zu kalkulieren. Außerdem besteht die Neigung zur unrealistischen Budgetierung bei solchen Events. Ich sehe da auch die Politik in der Verantwortung. Man versucht immer wieder der Bevölkerung Veranstaltungsdefizite in kleinen Scheibchen zu verkaufen. Die Politiker neigen dann dazu den Buhmann auf den oder die Veranstalter zu schieben. Sponsoring ist dann oft die Einnahme-Position, die am wenigsten kritisch hinterfragt wird und deren Einnahmeziele oft unrealistisch hoch budgetiert werden.

Welchen Fehler machen die Verantwortlichen beim Sponsoring?
Brockes: Ich würde es mal allgemein als naives Sponsoring-Management bezeichnen. Sponsoring-Expertise fehlt häufig bzw. man hat die regionale Expertise und meint dann internationale Sponsoren auch nebenher akquirieren zu können. Daher fehlen die Investitionen ins Sponsoring, denn dies kostet Zeit, Wissen und Erfahrung. Natürlich können Agenturen dies beisteuern, aber die Agentur muss dann auch zunächst ihre eigene Wirtschaftlichkeit beachten.

Ab wann sollte man sich Experten ins Boot holen?
Brockes: Eigentlich immer, wenn es um professionelle Veranstaltungen geht. Wir lassen ja heute auch keinen Linien-Airbus von einem Amateurpiloten steuern.

Wo findet man diese?Brockes: Bei Agenturen und anderen Veranstaltern und natürlich gerne auch beim ESB Marketing Netzwerk. Die ESB bietet eine interessante Plattform, andere Unternehmen aus der Welt des Sports, Entertainment und Sponsorings kennenzulernen. Zumeist denkt man da nicht über den Gartenzaun der eigenen Sportart. Die Kenntnis und Beziehungen in der eigenen Sportart sind nicht so wichtig wie das Profi-Veranstalter-Wissen.