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17.05.2018 // ESB Marketing Netzwerk

„In England haben Fußballsport und soziale Verantwortung eine große Bedeutung.“

Prof. Dr. Jürgen Buschmann, langjähriger Scout und Analyst der DFB-Nationalmannschaft, äußert sich im nachfolgenden Interview mit Fabian Weber, ESB Marketing Netzwerk, über die aktuelle Situation von CSR-Maßnahmen im Profifußball.

Fabian Weber: Herr Prof. Dr. Buschmann, für viele ist CSR kein gängiger Begriff. Klären Sie uns auf, was Corporate Social Responsibility bedeutet.
Jürgen Buschmann: Eine gesellschaftlich relevante Verantwortung für sein Umfeld zu übernehmen, ist für viele schon lang keine Goodwill-Aktion oder ein notwendiges Übel mehr. Im Rahmen von Corporate Social Responsibility (CSR) wird heute vielmehr ein strategischer Umgang zur Stärkung eigener Ressourcen und zur Durchsetzung strategischer Ziele gesehen, wie Imagegewinn oder Stakeholder-Relationship-Management, z.B. in Unternehmen und/oder Vereinen.
Mit facettenreichen Umsetzungskonzepten in verschiedenen Handlungsfeldern zahlen sich also CSR-Maßnahmen nicht nur im Innenverhältnis (Arbeitsklima, Gesundheitsförderung der Mitarbeiter, etc.) aus, sondern auch im Außenverhältnis als etablierter Partner im verantwortungsvollen Umgang sozialer, gesellschaftlicher oder sonstiger Probleme.

FW: Rekordumsätze im Fußball, egal ob in Österreich, Deutschland oder England – wie viel dieser Beträge fließt wirklich in einen guten Zweck?
JB: Zunächst sollte eine Differenzierung zwischen den „deutschsprachigen“ Ländern – Deutschland, Schweiz, Österreich – und England vorgenommen werden. Während wir bei den erstgenannten Ligen für CSR-Maßnahmen nur eine geringe bis gar keine Bedeutung feststellen können, hat dies im Mutterland des Fußballsports schon eine längere Tradition. So erhalten die Vereine von der Premier League – analog zur DFL in Deutschland – einen festen Betrag aus den Fernseheinnahmen für soziale Projekte. Dies gekoppelt mit entsprechenden Eigenmitteln dient der sog. „Lizensierung“ der Vereine.

FW: Inwiefern ist CSR im Profifußball nur ein Feigenblatt, um die zum Teil unvorstellbaren Summen zu relativieren?
JB: Es kommt auf die Einstellung des gesamten Vereins an. Wenn z.B. nur eine feste Summe pro Jahr an eine NGO überwiesen wird, um das „soziale Gewissen“ zu beruhigen, dann kann man von dem sog. „Feigenblatt“ sprechen. Stehen aber große Teile des Vereins – u.a. Vorstand, Mannschaft, Trainer-Team – dahinter, dann ergibt sich auch eine Identifizierung der Fans mit solchen Maßnahmen. So haben wir u.a. bei Umfragen feststellen können, dass es rund 80% der Zuschauer für wichtig halten, soziale Projekte durchzuführen. Sie sind sogar bereit, einen Euro mehr zu bezahlen, wenn diese Aktivitäten transparent und nachhaltig sind.

FW: Welche CSR-Aktivitäten von Vereinen und Ligen halten Sie für vorbildlich und warum?
JB: Hier möchte ich beispielhaft drei Vereine aus drei verschiedenen Ländern herausstellen:
FC Liverpool: In England haben Fußballsport und soziale Verantwortung eine große Bedeutung. So hat alleine die entsprechende Abteilung des FC mehr als 20 hauptamtliche Mitarbeiter/-innen. Alle Aktivitäten geschehen in und um Liverpool herum.
Real Madrid: In Spanien haben nicht alle Vereine solch eine große Stiftung wie Real – auch hier sind rund 20 Mitarbeiter/-innen aktiv. Die Projekte – ca. 150 – finden in 80 Ländern weltweit statt.
SV Werder Bremen: Für die Bundesliga kann Werder als „Vorzeigeverein“ benannt werden. Die vielfältigen Aktivitäten, mit einer großen Nachhaltigkeitswirkung, beziehen sich auch auf das Umfeld des Vereins.

FW: Wie sieht es bei den Fußball-Profis aus – ist es sinnvoll, dass viele ihre eigene Stiftung aufbauen, statt bestehende Organisationen zu unterstützen?
JB: Während ihrer aktiven Karriere als Fußballspieler erscheint es mir nicht so sinnvoll, eine eigene Stiftung zu haben. Nur wenn ein wirklich aktives und überzeugendes Management dahintersteht, scheint es zu funktionieren. Für die Spieler ist in der Regel zu wenig Zeit vorhanden und leider werden diese „sozialen Einrichtungen“ auch hin und wieder als „Steuerschlupflöcher“ benutzt.
Nach Beendigung der aktiven Laufbahn kann eine eigene Stiftung ein sinnvoller und geeigneter Weg sein, um der Gesellschaft etwas zurück zu geben.

Vielen Dank für das Interview!

Kontakt:

Deutsche Sporthochschule Köln
Prof. Dr. Jürgen Buschmann
Wissenschaftler und DFB-Scout
+49 221 498 262 80
Buschmann@dshs-koeln.de
www.dshs.de

 

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