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11.06.2020 // fit im job

Digital-Life-Balance in Zeiten von Corona

Kathrin Linkner, Projektleiterin bei fit im job, im Interview mit dem ESB Marketing Netzwerk worauf man bei Veränderungen der Digital-Life-Balance durch die Coronakrise achten muss.

ESB: Was versteht man unter Digital-Life-Balance?
Kathrin Linkner: Ein Leben ohne Smartphone und digitale Medien kann sich kaum mehr jemand vorstellen, sei es um berufliche und private Mails anzuschauen, Nachrichten zu lesen, mit dem Handy Busticket kaufen, Wetter zu checken oder Fotos machen. Dennoch ist es wichtig, sich ab und an abgrenzen zu können und uns nicht jede freie Minute mit mobilen Infos zu füttern oder für jeden jederzeit erreichbar zu sein, also die Balance finden.
Durch die ständige Erreichbarkeit werden uns wertvolle Erholungsphasen genommen und das führt dazu, dass wir uns mental nicht mehr distanzieren und abschalten können. Die permanente Info-Flut hält uns ausserdem davon ab, eine Aufgabe am Stück erledigen zu können. Das ist wichtig, da sonst schnell Stress entsteht.  Auch das Gehirn benötigt mal Ruhe, um Zeit zum Verknüpfen von gelernten Informationen zu haben. Ohne Smartphone ist auch keine Lösung, aber wir sollten einen bewussten Umgang damit lernen und die Balance finden von Nutzung der digitalen Welt und eigenen inneren Ruhe, die wir brauchen, um richtig abschalten zu können.

ESB: Inwiefern unterscheidet sie sich von der Work-Life-Balance?
Kathrin Linkner: Ich denke, wir nehmen bewusster wahr, was Arbeit und Freizeit ist. Da die Nutzung der digitalen Medien uns ständig begleitet, sowohl privat als auch geschäftlich, ist fraglich, ob uns eine mögliche Viel-Nutzung des Smartphones überhaupt bewusst ist.

ESB: Wie hat sich die Digital-Life-Balance durch Corona verändert?
Kathrin Linkner: Das ist noch schwierig abzuschätzen. Studien dazu sind ja erst im Gange. Dazu gibt es noch keine Ergebnisse. Vorstellbar sind zwei Tendenzen: während die einen die Mehr-Zeit als ICH-Zeit nutzen und bereits lang anstehende Projekte in Angriff nehmen und vielleicht auch die Natur und das draussen sein geniessen, lassen sich andere vielleicht noch mehr durch digitale Medien beschäftigen.

ESB: Worauf muss man jetzt besonders achten? 
Kathrin Linkner: Dass Wichtigste sind sicher Struktur und Rituale. Das gibt uns zum einen Sicherheit und auch einen gewissen Plan für den Tag. Eine sinnvolle Morgen-Routine ist dort sicher ein guter Start in den Tag. Das kann ein Spaziergang oder joggen sein, eine Meditation oder eine Yoga-Einheit oder das bewusste Frühstück mit der Familie. Wichtig ist auch, dass wir regelmässig Pausen einlegen. Die klassische Mittagspause dient auch dazu, mal richtig abzuschalten. Nicht nur mit der Verpflegung, sondern auch mit z.B. einem Spaziergang oder Sport, um den Kopf und Körper durchzulüften.
Für die, die auch abends gern noch arbeiten, sollte gelten, dass dann trotzdem spätestens 1h vor dem zu Bett gehen mal Ruhe reinkommen darf. Wir müssen dem Kopf und Körper die Chance geben, wirklich runterfahren und abschalten zu können. Das passiert nicht von einer auf die andere Minute.
Was das digitale Leben und Erleben anbelangt, ist nicht nur der PC eine Gefahr. Gerade das Smartphone ist recht schnell bedient. Auch das sollte irgendwann mal weggelegt sein. Räumen Sie sich Handy-freie Zeiten ein, und das ganz strikt verfolgt.

ESB: In welche Fallen tappt man am häufigsten und warum gerade in diese?
Kathrin Linkner: Wir greifen relativ schnell zum Handy, um zu recherchieren, was uns gerade nicht einfällt. Manchmal sollten wir uns die Zeit nehmen, erst selbst über etwas nachzudenken, bevor wir dem Smartphone den Vorzug geben.
Sobald wir einmal das Handy in der Hand haben, kommen wir vom einen ins Nächste und haben uns einerseits nicht zum selbst Denken gefordert und andererseits vielleicht mehr Zeit mit dem Handy verbracht als wir eigentlich wollten.

ESB: Was für Regeln gibt es, denen man folgen kann, um sich zu schützen?
Kathrin Linkner:

  • Das Handy ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen nicht mehr benutzen. Das blaue Bildschirmlicht stört den Tag-Nacht-Rhythmus.
  • Schalten Sie das Handy nachts aus und legen Sie es nicht direkt neben das Bett.
  • Lassen Sie sich von einem Wecker wecken und lesen Sie die Zeit tagsüber von einer Armbanduhr ab statt vom Handy.
  • Legen Sie mit Ihrer Familie handyfreie Zeiten fest – etwa beim Essen.
  • Gönnen Sie sich „Digital-Detox-Tage“. Geben Sie Freunden und Bekannten Bescheid, dass Sie nicht erreichbar sind, so können Sie ohne schlechtes Gewissen abschalten.
  • Lesen Sie Zeitung. Um informiert zu sein, muss man nicht ständig aufs Display schauen.
  • Reflektieren Sie Ihr Nutzungsverhalten: Sind Sie wirklich auf der Suche nach wichtigen Informationen oder versurfen Sie einfach die Zeit?
  • Checken Sie Ihre Smartphone-Zeit: Im neuen Apple-Betriebssystem iOS 12 lässt sich mit der Funktion „Bildschirmzeit“ feststellen, wie oft Sie das Handy nutzen. Unter www.smart-phone-addiction.de gibt es einen Selbsttest, der den Abhängigkeitsgrad feststellt.
  • Schalten Sie die „Push-Notifications“ aus. So können Apps Sie nicht mehr direkt benachrichtigen und ablenken.

ESB: Was drohen für Folgen, wenn die DLB über längere Zeit nicht stimmt?
Kathrin Linkner: Durch intensive Smartphone-Nutzung verarmen soziale Kompetenzen, wir werden unkonzentriert, Leistungsabfall droht, wir können ohne das Handy nicht mehr leben. Das kann sich in weiteren typischen Sucht-Symptomen wie Aggression und depressive Verstimmungen bemerkbar machen.

ESB: Wie viele digitale Gadgets gibt es in den Schweizer Haushalten im Durchschnitt? Wie intensiv werden sie genutzt? 
Kathrin Linkner: Nahezu jeder Haushalt hat digitalen Zugang zu Netzwerken. 93% der Bevölkerung nutzen das Internet regelmässig für Recherchen, 8 von 10 Personen vor allem mobil über das Handy. Während die Nutzung des Smartphones zunimmt, stagniert die Nutzungsdauer des Fernsehers. Noch wird beides ungefähr gleich häufig lang genutzt. Wir loggen uns bis zu ca. 80/Tag ins Smartphone ein und nutzen es bis zu 5h/täglich.

ESB: Welche Gadgets und Features machen am abhängigsten?
Kathrin Linkner: Sicher bergen die sozialen Medien ein grosses Risiko. Hier lassen sich neue Kontakte knüpfen und Freundeskreise aufbauen und das ganz unabhängig von Zeit und Raum. Soziale Netzwerke vermitteln das Gefühl dazuzugehören. Die Integration in Bezugsgruppen bzw. Communities sind gerade für junge Leute sehr wichtig. Der Austausch zu allen möglichen Belangen sowie das vermeintliche Zugehörigkeitsgefühl mag ein gewisses Suchtpotential bergen und einen Verlust des Gefühls vom Hier & Jetzt, das eigentliche Leben, herbeiführen.

ESB: Wieso fällt es uns schwer, die Finger von elektrischen Geräten zu lassen?
Kathrin Linkner: Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass sich bei Personen, die ständig ihr Smartphone benutzen, eine Veränderung des Gehirns stattfindet. Im MRT konnten physiologische Veränderungen bereits sichtbar gemacht werden. Was das genau mit sich führt, muss noch erforscht werden.
Was man weiss ist, dass der Körper bei der Handynutzung das Glückshormon Dopamin ausschüttet. Es sorgt dafür, dass wir immer wieder zum Display greifen. Ein Belohnungsmechanismus wird dadurch in Gang gesetzt. Im schlimmsten Fall kann ein digitaler Burn-Out drohen, also ein Zustand, in dem unsere massive Smartphone-Nutzung durch die permanenten Unterbrechungen unsere Produktivität stört und uns unglücklich macht. Beides zusammen macht krank. Wir erleben einen geistigen Erschöpfungszustand, der vergleichbar ist mit dem Burn-out, den ein Workaholic erleidet. Doch ist man gleich abhängig, nur weil man häufig auf sein Smartphone schaut? Deswegen ist nicht jeder süchtig. Es gibt bestimmte Risikofaktoren, die Menschen mitbringen.
Sorgen machen sollte man sich dann, wenn sich alles ums Handy dreht und man auch schöne Tätigkeiten unterbricht, um aufs Display zu schauen. Die Beschäftigung mit dem Handy darf also nicht das Hobby beeinträchtigen oder soziale Kontakte ersetzen. Wer zwar stundenlang chattet, aber weiter in den Sportverein geht oder Freunde trifft, hat eher kein Suchtproblem.

ESB: Manche Menschen schaffen es auch in der Nacht nicht auf elektronische Geräte zu verzichten… Was rät man diesen?
Kathrin Linkner: Diese Menschen nehmen das ganze aktive Leben des Tages mit ins Bett. Erste Messungen der Hirnströme haben gezeigt, dass bei vielen Menschen das Handy neben dem Bett eine deutlich andere Aktivität im Gehirn mit sich bringt. Im Unterbewusstsein sind wir mit dem Tagesleben noch verbunden, es wird vermutet, dass Schlafstörungen gefördert werden. Wenn man dann zum Handy greift, ist das schon garantiert.
Es wird empfohlen kein Handy nachts neben dem Bett zu haben, sondern einen richtigen Wecker. Das ist das Einzige, was es braucht. Wem das nicht gelingt, sollte wenigstens den Flugmodus einstellen.

ESB: Wann braucht man professionelle Hilfe und wohin wendet man sich am besten?
Kathrin Linkner: Wenn das Smartphone unentbehrlich wird und es zur psychischen Stabilisierung benötigt wird. Wenn sich Kontroll- und Zeitverlust bemerkbar machen, reale Sozialkontakte nicht mehr so gepflegt werden, Leistungsabfall und Konzentrationsstörungen bis hin zur Vernachlässigung der Gesundheit & Pflege.
Wohin wenden? Sozialpsychologischer Dienst im Geschäft, jegliche Suchtberatung.

Bildquelle: fit im job AG

Kontakt

fit im job AG
Kathrin Linkner (Seminar- und Projektleitung)
E-Mail: kathrin.linkner@fitimjob.ch
fitimjob.ch

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